Braune Kader

Ehemalige Nationalsozialisten in der Deutschen Wirtschaftskommission und der DDR-Regierung (1948-1957)

Gekürzte, sich aktualisierende Internetausgabe der gleichnamigen Dissertation (Universität Jena, 2005). Berlin ab 2012.

Download (382 Seiten, PDF): Braune Kader – Internetausgabe 2012 Juli

Zusammenfassung:

Unter Maßgabe der marxistisch-leninistischen Ideologie und ihrer Auswirkungen auf die Kaderpolitik beschäftigten die DDR-Regierungsdienststellen bzw. ihre Vorläuferin, die Deutsche Wirtschaftskommission, vor und nach der offiziellen Beendigung der Entnazifizierung in der SBZ und Ost-Berlin eine Reihe von NS-Belasteten. Die Untersuchung des sozialen und politischen Profils von über 150 ehemaligen Mitgliedern der NSDAP, SA und SS, die den Personalverantwortlichen in der zentralen ostdeutschen Staatsverwaltung als solche bekannt waren, zeigt, dass vor allem ein sehr hoher Grad an Bildung und Arbeitsleistung hierfür den Ausschlag gab.

Der Fachkräftemangel zwang die kommunistischen Machthaber zu Zugeständnissen bei der Zusammensetzung des Personals. Die fachlichen Qualifikationen wurden dabei mit einer Reihe anderer Aspekte abgewogen, z.B. der Schwere der NS-Belastung, der politischen Einstellung zum Sozialismus, der Art der sozialen Herkunft, den Merkmalen des Militärdienstes und der Kriegsgefangenschaft, den Verbindungen zum Westen etc. Im Ergebnis betrug der Anteil der Untersuchten am gesamten zentralen Verwaltungspersonal vor Gründung der DDR im Durchschnitt 1-2%, danach 5-6%. Dabei kam es zu Konzentrationen in eher wirtschaftsorientierten Ressorts von bis zu 10%, nach 1949 von bis zu 18%.

Die NS-Belasteten nahmen vor allem Positionen im unteren Leitungssegment, auf der mittleren Ebene und in der oberen Unterschicht der Verwaltungsangestellten ein. Es gab aber auch mehrere DDR-Minister unter ihnen. Die Fluktuation war aufgrund kontinuierlicher Säuberungsvorgänge erheblich. Die Angehörigen des Samples machten zum großen Teil geltend, den NS-Organisationen aus beruflichen Gründen beigetreten zu sein und sich ansonsten politisch passiv verhalten zu haben. Etliche nannten eine Reihe von entlastenden Begleitumständen der NS-Vergangenheit, z.B. verbotene Untergrundarbeit, Konflikte mit überzeugten Nationalsozialisten, Kontakte zu Verfolgten etc.

Zum Teil lassen sich solche Entlastungsaspekte belegen. Andererseits sind vereinzelt auch diverse Aktivitäten im Sinne des NS-Regimes feststellbar, die jedoch überwiegend am unteren Ende der Belastungsskala anzusiedeln sind. Manche belastende Biografieanteile wurden den Behörden gegenüber verheimlicht. Mitunter wurden sie aber auch enthüllt, was z.B. zur Entlassung oder Versetzung führen konnte. Um Kontroversen zu vermeiden, versuchte die kommunistische Machtelite das Ausmaß der Beschäftigung NS-Belasteter unter Verschluss zu halten. Sie manipulierte sogar veröffentlichte Biografien hoher Staatsfunktionäre.

Nach 1945 verhielten sich die NS-Belasteten politisch teils indifferent, teils befürworteten sie den Sozialismus, teils standen sie ihm kritisch gegenüber. Für eine dauerhafte Integration in den zentralen Staatsapparat waren neben der fachlichen Kompetenz insbesondere die Entwicklung eines ideologischen Bewusstseins im Sinne der SED sowie die Unterstützung der Parteilinie ausschlaggebend.